Samstag, 18. Juli 2009

Jean Anouilh: Antigone

Und außerdem, sie ist besonders beruhigend, die Tragödie, weil man ja von Anfang an weiß, daß es keine Hoffnung mehr gibt, diese schmierige Hoffnung; weil man gefangen ist, weil man schließlich in der Falle sitzt wie eine Ratte, den ganzen Himmel auf seinem Rücken, und man nichts mehr tun kann, als zu schreien, nicht zu jammern, nicht zu klagen, sondern hinauszuschreien mit voller Stimme, was man noch nie gesagt hat, was man vielleicht nicht einmal vorher wußte, und um nichts: nur, um es zu sagen, um es sich selbst beizubringen, um sich selbst. Im Drama kämpft man, weil man noch irgendwie sich zu retten hofft. Das ist widerlich. Das hat einen Sinn. Aber hier geht es um nichts. Alles ist umsonst. Es gibt schließlich nichts mehr zu versuchen.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Mooooooment!

So war das nicht gemeint! Kategorisch schon gar nicht (BAH! Das kleine verkümmerte Männlein Kant!), angepackt wird, wo’s nichts bringt und in die Hände zu spucken hat auch nie was gebracht und ist doch arg roh. Außerdem sind Illusionen DAZU DA, daß sie zerstört werden. Der "Wirklichkeitsbegriff" ist daher irreführend. Und wer träumt vergisst zu leben. Freund Shakespeare hat auch mal gesagt "that all the world is a stage" und wo uns DAS hinbringt, will ich gar nicht wissen!
Nein, mit der Wirklichkeit, ist das ganz anders! Erst muß man sie verlieren um überhaupt zu wissen, daß man sie einmal besessen haben könnte. Und dann muß der ganze lästige Balast weg: Träume, Illusionen, Wünsche, Ideen, Ideale und der größte Teil der Phantasie. Weg, fort, aufgeben! Und dann, ganz vorsichtig, ganz langsam wieder ertasten, was da "so zart wie ein Allegro von Mozart" ist. Vorsichtig seine Hand fassen und es akzeptieren, daß es nur eine Hand ist und nicht "FÜR DICH".

Freitag, 26. Juni 2009

Du stehst am Fenster

Du stehst am Fenster
und betrachtest den Fluß
glimmernd durch die Gassen der Stadt
Häuser und Menschen
die dir nichts bedeuten
vor den Augen.

Was sie verbindet mit dir
- Iris Netzhaut Sehnerv -
mit dem was du siehst
weiß niemand in diesem Sommer.

Nicht im mückenübertanzten Garten
im Gelächter unten am Haus
an den weit zur Terrasse geöffneten Türen
und nicht über den Bäumen
und der Stadt irgendwo
an oder unter diesem seltsam hellen Himmel
bist du zuhause
zufrieden mit der Möglichkeit zu sein.

Nichts hält dein Herz und nichts die Seele
du bist unruhig denn keines der Leben
die du hier und andren Ortes Leben kannst
sind der Weg den deine Sehnsucht geht.

Was bleibt dir als seufzend
den Platz am Fenster zu verlassen.

Mittwoch, 17. Juni 2009

Andre Heller: Wien

Es ist ein unheiliges Wunder um dieses Wien:
Überall tragen die Menschen einen Zirkus unter dem Herzen
Mit richtigen Seiltänzern, einem Königstiger, Reifenspringern,
Über allem ein Zelt und tausende Fahnen.
Im Frühjahr lehren sie ihre Kinder das ABC und
Sprechen von türkischem Honig.
Sie machen Geschäfte mit der Sonne und tragen die Pelze ins Dorotheum.
Es stirbt einer, den sie hinausbegleiten und alle beneiden.

Eine Papierrose für Ferdinand Raimund
Eine Jungfrau für Konrad Bayer
Eine Postkarte für Peter Altenberg
Ein Feuerwerk für Johann Nestroy
Ein Spaziergang für Arthur Schnitzler
Ein Megaphon für Karl Kraus
Einen Junimorgen für Joseph Roth
Eine Zigarettendose für Gustav Klimt
Einen Stadtteil für Josef Matthias Hauer
Eine Taschenlampe für Ludwig Wittgenstein
Ein Motorrad für Abraham a Santa Clara
Einen Viewmaster für Sigmund Freud
Einen Ohrring für Joseph Kainz
Einen Regenbogen für Egon Friedel
Eine Nähmaschine für Adolf Loos
Ein Kartenhaus für meinen Vater