Zu
Lieben ist eine bewußte Entscheidung, basierend auf klaren,
durchdachten Entschlüssen. An dieser Entscheidung ist nichts
zufällig und übereilt. Sie geschieht im tragischen Bewußtsein
ihrer Problematik und Ungewolltheit auf beiden Seiten. Das hat nichts
mit Romantik und Verliebtheit zu tun. Das ist eine Sache für
Erwachsene.
Sich
freiwillig zu verlieben ist nicht schwierig. Das kann jeder. Ein
Haustier ist dazu fähig. Aber um die Folgen davon zu wissen, sie
bewußt in Kauf zu nehmen und dennoch nicht nur ein freundliches
Gesicht dabei zu machen, dazu gehört ein Erwachsener.
Was bedeutet das? Es
ist, nach dem Ende der freiwilligen Liebe, die Angst endgültig von
ihr (der verlorenen Frau) besiegt zu werden, sie endgültig zu
verlieren. Dann bedeutet sie mir nichts mehr. Annehmen tut sie
ohnehin schon nichts mehr von mir. Ich muß also um alles kämpfen,
was nur oder doch teilweise von mir abhängt. Um jemanden weinen dem
ich absolut gleichgültig bin. Einseitig und allein zu lieben also,
aber nicht in einer heimlichen Hoffnung auf Erhörung, sondern im
sicheren Wissen um die Vergeblichkeit dieser Regung, darum, daß sie
nicht nur von der erneut geliebten Frau nicht gewollt wird, sondern
auch von mir selbst nicht.
Der
Entschluß gerade jetzt zu lieben ist der letzte und verzweifeltste
Versuch zu retten was längst nicht mehr zu retten ist. Aber er ist
noch mehr: Eine prinzipielle Entscheidung für die Liebe an sich, die
Liebe als Allem-Zu-Grunde-Liegendem, das immer und überall Vorrang
hat. Für das Prinzip Gottes. Wenn auch schon weit entfernt von ihm.
Lieben
um nicht alles zu verlieren von dem, was damals gut war. Zuerst habe
ich alles kaputtschlagen müssen, um zu retten, was noch zu retten
war. Jetzt muß ich lieben, um zu retten, was nicht mehr zu retten
ist: Das sind die Dinge, die ich nicht kaputtschlagen kann, ich habe
es sechs Jahre lang immerhin versucht, und die sonst anfangen zu
gären, was Hass, Trauer und Verzweiflung zur Folge hat und mich
jetzt schon zur Liebe fast unfähig macht.
Eine
Entscheidung in dem klaren Bewußtsein, daß diese Liebe ein weiteres
großes Leiden bringen wird, das nur durch die Liebe, zu der man sich
entschlossen hat, zu ertragen ist, das nur dadurch sinnvoll wird. Die
Liebe rechtfertigt sich selbst, auch dann wenn sie als Waffe gegen
sich selbst eingesetzt wird.
Liebe
verschwindet nur durch Liebe. Liebe kann nur durch Liebe
neutralisiert werden. Die Reste der freiwilligen Liebe verschwinden
nur dann beinahe spurlos, wenn sie durch die ihr entgegengesetzte
bewußte Liebe ausgebrannt wird.
Das
als traurig oder tragisch zu bedauern ist nichts als Flucht vor dem
Notwendigen, der eigenen emotionalen Gesundheit also, und eine
Verniedlichung von etwas, das keine Diminutive erträgt: der Liebe.
Eine Liebelei ist immer verachtenswert. Selbst dann wenn sie sich
"nur" auf ein Tier richten sollte: Ein Lebewesen ist immer,
egal unter welchen Umständen, total zu lieben. Damit haben auch
Verlust und Trauer total zu sein. Da Verlust und Trauer total sein
müssen um ein Lebewesen als Menschen identifizieren zu können, muß
auch der Weg zu Verlust und Trauer total sein. Dieser Weg ist Liebe.
Wer
zu dieser Totalität nicht fähig ist, begebe sich zurück in die
Sphäre der Tiere und unbelebten Gegenstände.
(Tübingen & Oldenburg 2018 - 2024)